„Rumpelfußball“-Serie Teil 10 – WM 1994 (Viertelfinale): Deutschland 1, Bulgarien 2

von incineratr

Doppelschlag schockt Deutschland

Deutschland läuft im Viertelfinale mit Andi Möller statt Matthias Sammer auf. Wieso??? Ich konnte per Netzrecherche nichts von einer Sammer-Verletzung finden, was so ziemlich der einzige Grund gewesen wäre, ihn nach seiner Spitzenleistung gegen Belgien rauszunehmen. Vielleicht ging Vogts von einer mauernden bulgarischen Mannschaft aus und wollte eine weitere Offensivkraft bringen, aber dennoch. Dann lieber den Helmer raus! Bulgarien ist der Underdog, hat aber mit Hubtchev, Letchkov, Balakov, Stoichkov und Kostadinov eine Art goldene Generation, einige spiel(t)en auch in der Bundesliga. Nicht zu vergessen der bestaussehendste Spieler aller Zeiten: Stilikone und Abwehrrecke Trifon Ivanov.

Das Spiel findet im Giants Stadium von New Jersey vor über 72.000 Zuschauern statt. Gerade hat die DFB-Elf ein kühles Spiel in Chicago bei leichtem Regen hinter sich, jetzt muss sie sich wieder an 31°C USA 94-Hitze gewöhnen. In der Anfangsphase belagert Deutschland die bulgarische Hälfte, doch die Bulgaren lassen sich nicht vollends einengen und kommen bald zu gefährlichen Entlastungsangriffen, wie bei einem Pfostenschuss nach 10 Minuten. Die deutsche Offensive lässt sich mit einem Namen beschreiben: Thomas Häßler. Wie immer mit Volldampf variabel über links und rechts unterwegs, wie immer die meisten Angriffe einleitend. Saugut der Mann. In der 24. kommt es zu einer Großchance, als Klinsmann 6m vor dem Tor frei zum Flugkopfball ansetzt (natürlich nach einer Häßler-Flanke), aber genau auf den Torwart köpft. Bis zur Halbzeit passiert sonst nicht viel großartiges, Deutschland kontrolliert aber das Spiel soweit.

Eine Minute nach der Pause wird ein Elfmeter nach Foul von Letchkov an Klinsmann vergeben, den Matthäus verwandelt. Das 1:0 ist nicht unverdient, allerdings finde ich die Elferentscheidung etwas zweifelhaft. Nachdem Häßler in der 53. Minute Torwart Mihailov zu einer Glanzparade zwingt, kommt Thomas Strunz für Martin Wagner. Deutschland gewinnt nun noch mehr Kontrolle über das Spiel, kombiniert zum Teil echt schön und kommt zu Chancen durch Helmer (60.) und Möller (72.). Möllers Chance war ein sehenswerter Pfostenkracher, der zu Völler prallt, welcher den Ball im Tor unterbringt – leider angeblich Abseits. War vielleicht eine Fehlentscheidung.

Diese Phase wird jäh unterbrochen, als Stoichkov einen random Freistoß aus 20 Metern rechts unten im Tor unterbringt. Aua. Etwa eine Minute später kommt eine Flanke von rechts auf Letchkov, der aus 12 Metern per Flugkopfball links einköpft! Was zum Teufel??!!! Tragisch: Der Gegner Letchkovs im Kopfballduell war der kleine Thomas Häßler. Berti Vogts reagiert indem er den Abwehrspieler Brehme für den offensiven Mittelfeldmann Häßler bringt. Tendenziell ist da mein Gedanke zunächst mal „HÄ?“. Jetzt kommt es zu allseits bekannten Szenen bei solchen Spielständen: Anrennen gegen Konter, Hektik gegen „Verletzungs“bedingtes Zeitspiel. Mihailov, der Torwart, sieht dafür sogar schnell Gelb.

Deutschland will das 2:2 mit allen Mitteln erzwingen, lange Bälle und Flanken verfehlen im Strafraum aber immer knapp einen Abnehmer. Ein verzweifelter Rudi Völler versucht auf billige Weise das Handtor Maradonas 1986 blatant 1:1 zu kopieren. Fällt auf, gelbe Karte. Ach, Rudi… Die Zeit läuft davon, Deutschland scheidet tatsächlich nach diesem blitzartigen Doppelschlag aus – wie ich finde unverdient. Die Bulgaren können ihr Glück nach dem Schlusspfiff ebenfalls kaum fassen und drehen vor Freude völlig am Rad (das wiederum zurecht).

Fazit: Deutsche Nationalmannschaft ’94
Heutzutage wird sich über die 94er Mannschaft, wenn es mal zum Thema wird, eher belustigt. Wie kann man auch gegen Bulgarien ausscheiden – nach dem Motto. Diese Sichtweise ist meiner Meinung nach zu einfach. Hätte Deutschland mit etwas mehr Glück auch das Halbfinale überstanden und den Titel geholt? Ich würde eher sagen nein. Allerdings ist das Ausscheiden gegen Bulgarien wie gesagt mit sehr viel Pech verbunden, sowas kann im Fußball schonmal passieren. In den hitzigen Bedingungen wird deutlich, dass der Mannschaft eine Verjüngungskur so langsam gutgetan hätte – Vogts argumentierte aber (warscheinlich zurecht), dass es in den Nachwuchsabteilungen sehr dünn aussieht. Schauen wir mal, wie die Entwicklung weitergeht – bei der Europameisterschaft 1996 in England!

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