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Reviews mehr vergangener als aktueller Spiele der DFB-Elf

Monat: April, 2014

“Rumpelfußball”-Serie Teil 4 – EM 1992 (Halbfinale): Deutschland 3, Schweden 2

Gute Aussichten im Finale

27.800 Zuschauer sahen im Rasundastadion von Solna das Halbfinale zwischen Gastgeber Schweden und Deutschland. Das Stadion ähnelt dem in Norköpping, alle Tribünen direkt am Feld. Wunderbar! Guido Buchwald ist wieder zurück und ersetzt Binz, Stefan Reuter ersetzt Michael Frontzeck. Matthias Sammer übernimmt Andi Möllers Posten, ansonsten bleibt mit Illgner, Kohler, Helmer (trotz schwacher Leistungen), Häßler, Effenberg, Klinsmann und Riedle (der ein nices Kettchen präsentierte) alles gleich. Die bekanntesten Schweden sind Torwart Ravelli sowie aus der Offensivabteilung Brolin und der später in Gladbach bekannte Martin Dahlin.

Zu Beginn ein ziemliches hin und her. In der 11. Minute wird Riedle vorm 16er umgerempelt, klarer Freio. Und Thomas Hässler hebt den Ball über die Mauer links unten ins Netz! Sammer kann später allein vor Ravelli nicht verwandeln, in der 38. hämmert Hässler einen weiteren Freistoß anne Latte. Der Mann ist – nicht nur als Flügelflitzer und Flankengeber – echt in Topform.

Auf beiden Seiten kommen die Chancen meist über Standards, wobei Deutschland auch in Halbzeit 2 im Vorteil ist. Schweden wird Bissloser im Sturm, Deutschland kontert ziemlich souverän. Wieder flitzt Hässler über den linken Flügel, passt auf Sammer der Links vom 16er reingibt. Riedle steht dort samt Goldkettchen frei und macht in echter Stürmermanier das 2:0. Bei den Schweden klirren natürlich nun alle Alarmglocken, es entsteht die klassische „Brechstange vs. Konter“-Spielkonstellation.

Eigentlich ist soweit alles im Griff, als wieder mal Thomas Helmer einen riesen Bock schießt. Ziemlich notlos rutscht er Ingesson im Strafraum in die Hacken, der eigentlich sowieso der Winkel zum Tor zu spitz geworden ist. Dumm!! Brolin verwandelt souverän, und Schweden ist wieder dran. Wirklich, danke Thomas. Effenberg rammt einen Schweden volle Pulle den Ellenbogen in den Kopf, heute wäre das Rot gewesen. WIEDER mal zeigt sich „Kriegsheld“ Andi Brehme als erster Mann vor Ort 😀 (Foto).

In der 89. Minute macht Thomas Helmer zur Abwechslung was gutes und legt nen Steilpass rechts in den Strafraum auf Riedle, der wieder trifft. Das Ding ist durch!! Nach dem Wiederanpfiff wird sofort ein langer Ball in den Strafraum geschlagen, den Andersson…. einköpft! LOL! 3:2. Illgner sieht bei der Aktion nicht gut aus, zu weit draußen und kommt dann nicht an den Ball. Nun passiert aber nichts mehr. Deutschland war in allen Bereichen einen Ticken besser als Schweden und kommt verdient ins Finale: Irgendwie trotzdem bemerkenswert, nach diesem Turnierverlauf.

Die ganz große Überraschung spielte sich jedoch im anderen Halbfinale ab, in dem Dänemark sensationell Holland rausgeschmissen hat! 2:2 nach Verlängerung, 5:4 im Elfmeterschießen. Wahnsinn. Der erste Gedanke sagt: Geil, Europameister. Aber warten wir erstmal das Finale ab…

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“Rumpelfußball”-Serie Teil 3 – EM 1992 (Vorrunde): Deutschland 1, Niederlande 3

Geschenktes Halbfinale

Auf geht’s für die DFB-Elf ins Entscheidungsspiel in Gruppe B mit folgender Aufstellung: Illgner, Binz, Helmer (statt Buchwald, bei dem wohl Schonung nach der harten Kollision im Schottland-Spiel angesagt war), Michael Frontzeck (!, statt Sammer. Wusste garnich das Frontzeck erfolgreich gespielt hat :D), Hässler, Effenberg, Brehme, Möller, Klinsmann, Riedle. Auch Holland hat einige Schtars aufzuweisen: Frank de Boer, Ronald Koeman, Frank Rijkaard, Dennis Bergkamp, Ruud Gullit, Marco van Basten – das ist schon was.

Die Wiederauflage des Hass-Achtelfinals der WM 1990 findet im größeren Ullevi Stadion von Göteborg statt, 37.700 Zuschauer wohnen bei. Trotz ausgedehnter Laufbahn-Sektion machen besonders die Holländer ordentlich Stimmung. Irgendwie sind die immer gut drupp.

Anpfiff! Nach 2 Minuten bringt Koeman einen Freistoß in den Strafraum, Rijkaard köpft, und der Ball fliegt im hoooohen Bogen…. ins Tor! 1:0. Deutschland reagiert gelassen und versucht ins Spiel zu kommen, als Holland 25m vor dem Tor noch einen Freistoß erhält. Rob Witschge probiert es mit einem Flachschuss, der…. präzise unten rechts im Kasten einschlägt! Unhaltbar, 2:0! Den Rest der Halbzeit neutralisieren sich beide Mannschaften weitesgehend, den Holländern wird das 2:0 eh gereicht haben. Van Basten bringt noch einen wahnsinns-Lattenkracher per Volley zu stande, Rijkaard und Hässler vergeben jeweils vor dem Torwart. Allerdings ist Holland leicht besser und kommt einfacher zu Chancen als Deutschland, die auch den Drang zum Tor vermissen lassen.

In der 2. Halbzeit legt Deutschland endlich los, und auch die deutschen Fans sind jetzt zu hören. Nach 7 Minuten fruchten die Bemühungen schon, als Klinsmann nach einer Hässlerflanke per Kopf einnetzt! Schönes Tor, Klinsi ist wirklich HOCHgestiegen. Wieso der direkt am Pfosten postierte Verteidiger den langsam antrudelnden Ball nicht aufhält, ist aber ein Rätsel. Egal! Fast fällt im Anschluss der Ausgleich, als Rudd Gullit eine Flanke von Andi Brehme an die Latte des eigenen Kastens köpft!

Deutschland kratzt und fightet. Jürgen Kohler grätscht trotz gelber Karte Marco van Basten bei jeder Gelegenheit knallhart weg – ich mag diesen Fight!! Die Jogi-Bübchen hätten nach dem 0:2 ja schon eingepackt. Thomas Helmer gefällt mir überhaupt nicht, er lässt van Basten viel zu freien Lauf. Obwohl Holland fast nurnoch hinten rum spielt, gelingt ihnen mit einem einzigen Angriff das 3:1 in der 72. Minute: Der eingewechselte Aron Winter sprintet über die Mittellinie, lässt Sammer aussteigen, flankt in den Strafraum wo Dennis Bergkamp aus 10 Metern unten links einköpft.

Die Sache ist durch. Kann passieren… Holland war besser, hat aber auch fast alle Gelegenheiten optimal nutzen können. Aus der deutschen Fankurve ertönen sarkastische „Sieg!“, „Jöööörgen Klinsmann“ und „Auf Wieeederseeehn“-Sprechchöre. Doll wird nochmal für Riedle eingewechselt, und der Mann den ich so hochgelobt habe, vertrottelt gleich eine klare Chance weil er sich frei vor dem Torwart simpel den Ball zu weit vorlegt! Oh Man… Die Sprechhöre sind nun das Highlight. „Steh auf, du Sau, steh auf, du Sau“ bei Wouters Zeitspiel-„Verletzung“, sowie „Rijkaart, du Arschloch!“ 😀 In der ersten Halbzeit ziemlich ruhig, unterhalten die deutschen Fans jetzt am besten.

Deutschland also raus… oder? Nein! Die GUS hat es tatsächlich geschafft, gegen die bereits ausgeschiedenen Schotten NULL ZU DREI zu verlieren, und das nach Unentschieden gegen GER und NED! Deutschland ist im Halbfinale! 😀 Dort geht es gegen Gastgeber Schweden, die sich gegen die favorisierten Engländer durchsetzten. Holland trifft auf Dänemark, die eigentlich garnicht qualifiziert waren und für Jugoslawien nachrückten und dann Frankreich ausgeschaltet haben.

Als Zeitgenosse würde ich auf ein Rematch im Finale zwischen Deutschland und Holland tippen, wo aber einiges an Glück und Tagesform nötig wäre. Das 92er Team sehe ich als Kampfstarke Truppe, die aber zum Teil nicht genug Entschlossenheit und Drang nach vorne ausstrahlt

“Rumpelfußball”-Serie Teil 2 – EM 1992 (Vorrunde): Deutschland 2, Schottland 0

Egal, hauptsache gewonnen

2. Gruppenspiel! Deutschland steht nach dem GUS-Unentschieden unter Zugzwang. Die Aufstellung: Illgner, Brehme, Kohler (mit Goldkettchen unterwegs), Binz, Buchwald, Möller (anstelle von Reuter), Hässler, Riedle, Sammer (anstelle von Doll und überglücklich), Effenberg und Klinsmann anstelle von Schwalbenpille Rudi Völler. Ich gehe voll d’accord das Völler nicht spielt, aber wieso nimmt Berti Doll raus, der gegen die GUS einer der besten war? Der hat sich darüber sicher „den Ahsch abgelacht„.

Deutschland spielt nicht der Situation angemessen und wirkt nicht mehr so sicher organisiert wie im GUS-Spiel. Das ist technisch zum Teil schlampiger, wahrhaftiger Rumpelfußball. Schottland kommt über die gesamte Spiellänge zu zahlreichen (u.a. auch Groß-)Chancen, scheitern jedoch am Pech, dass ein Bein dazwischen kommt oder an Bodo Illgner. Offensiv geht eigentlich alles über Hässler auf der rechten Seite, defensiv lässt man zuviel zu, bemüht sich aber wenigstens zu kämpfen. Kurz vor der Halbzeit beispielsweise steht der Ire McCray Schussbereit vorm 16er, als DREI deutsche hintereinander gnadenlos reingrätschen bis entweder der Ball oder der Mann weg ist (hier war es letzteres). Das ist HERRENFUßBALL – auch wenn es nicht so gut läuft überall körperlich voll reinzuhauen. Das sollten sich die Jogi-Bübchen mal anschauen…

In der 30. Minute geht Deutschland plötzlich in Führung. Möller auf Sammer, der mit einer Drehung einen Schottischen Verteidiger vor dem 16er aussteigen lässt. Der spielt auf den Elfmeterpunkt zu Klinsi, der ihn annimmt bzw. zum angelaufenen Riedle spielt, der ihn unten links einnetzt. Ob das ein Pass war oder Riedle dem Klinsi einfach den Ball weggeschossen hat, weiß man nicht 😀 – etwas unverdiente Führung! Danach kehrt Ruhe ein und Deutschland kriegt das Spiel unter Kontrolle.

Direkt nach der Pause fällt völlig RANDOM das 2:0. Effe will eigentlich eine Flanke schlagen, die wird aber von einem Schotten abgefälscht und landet im hohen Bogen im Tor. In der Folge kommen die Schotten zu Chancen über Chancen, die jedoch allesamt nicht fruchten. Mit mehr Raum erzielen aber auch die deutschen noch 2 ansehnliche Pfostenkracher. Stefan Reuter kommt für Kalle Riedle rein (die analogen Auswechseltafeln haben was!), muss jedoch nach einem Kopf-Zusammenprall mit einem Schotten nach nur 7 Minuten Spielzeit für „Michael Schulz“ (wer auch immer das ist) wieder runter.

Dasselbe Schicksal ereilt wenig später Guido Buchwald, der daraufhin von Brehme und Co heldenhaft vom Feld getragen wird. Das hatte aber auch seinen Grund. Ich habe folgendes im Wikipedia-Artikel des damaligen DFB-Masseurs Adolf Katzenmeier gefunden: „Vorübergehendes Aufsehen erregte sein Einsatz bei der EM 1992 in Schweden, wo er Guido Buchwald, der seine Zunge verschluckt hatte und bewusstlos zusammengebrochen war, durch einen gezielten Griff in den Hals möglicherweise das Leben rettete. Katzenmeier erklärte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass er beim Sprint auf das Spielfeld sah, wie Buchwald zu krampfen begann. Als Katzenmeier dessen Zunge aus dem Hals zog, biss Buchwald, dessen Gesichtsmuskulatur ebenfalls Krämpfe hatte, dem Masseur in die Hand, es blieb eine noch heute sichtbare Narbe zurück.“ – krass.

Ich weiß nicht ob nur 2 Wechsel erlaubt waren, jedenfalls spielte Deutschland zu zehnt zuende. Im anderen Spiel hat die GUS den Holländern ein Unentschieden abgerungen. Hier die Tabelle (Obacht: 2-Punkte-Regel!)

1. Deutschland (3:1 Tore, 3 Punkte)
2. Niederlande (1:0 Tore, 3 Punkte)
3. GUS (1:1 Tore, 2 Punkte)
4. Schottland (0:3 Tore, 0 Punkte) -> Ausgeschieden.

Da Schottland draußen ist, wird die GUS im letzten Gruppenspiel sicher leichtes Spiel haben und den Sieg holen. Damit wird das Spiel gegen Holland zum echten Endspiel für Deutschland: Bei einem Unentschieden ist man weiter, gewinnt Holland, zieht die Elftal zusammen mit der warscheinlich gegen Schottland siegenden GUS ins Halbfinale ein.