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Reviews mehr vergangener als aktueller Spiele der DFB-Elf

“Rumpelfußball”-Serie Teil 16 – EM 1996 (Finale): Deutschland 2, Tschechien 1 (n.V.)

Das letzte Hurra des Herrenfußballs

Deutschland im EM-Finale gegen eine Überraschungsmannschaft: Da klingelt doch etwas… Jedoch nur vordergründig, denn im Gegensatz zu 1992 steht Deutschland mit einem Rumpfkader da. Zwar gibt es nur 4 offizielle Positionsänderungen gegenüber dem ersten Tschechien-Spiel (Strunz statt Reuter, Babbel für Kohler, Scholl für Möller und Klinsmann für Bobic), jedoch waren auch einige Spieler in der Startelf angeschlagen. So wurde erst eine Stunde vor Anpfiff klar, dass Klinsmann mit seinem vor 8 Tagen (gegen Kroatien) erlittenen Muskelfaserriss aufläuft. Marco Bode, René Schneider und Oliver Bierhoff waren die einzigen Feldspieler auf der Bank, alle anderen gesperrt oder verletzt. Für die beiden Olis, Kahn und Reck, wurden Feldspielertrikots angefertigt.

Bei den Tschechen spielten im Gegensatz zum ersten Spiel Patrik Berger und Karel Rada, sie ersetzten Latal und Frydek. Die Hochkaräter Italien (2:1), Portugal (1:0) und Frankreich (Elfmeterschießen) standen bereits auf der Opferliste der Tschechen, das war keine Mannschaft von Pappe. Das „Hinspiel“ hatte Deutschland zwar im Griff, aber nach diesem Turnierverlauf war eine Mannschaft mit Topleuten (auch wenn ihr Stern erst etwas später voll aufging) wie Nedved, Berger, Poborsky und Kuka nie zu unterschätzen.

Wirklich schön atmosphärischer Einzug der beiden Mannschaft zu Beethovens Hit „Freude, schöner Götterfunken“ (feat. Schiller). Dazu die Queen –  genau beäugt von Oli Reck toll eingekleideten Trompetern sowie Soldaten, die so richtig schön dicke Wummen präsentierten. Bei der englischen Hymne sangen immernoch große Teile des Publikums lauthals mit, ebenso wie bei der deutschen Hymne alle 11 DFB-Akteure 😉 So viel zum Klimbim, nun rein ins Spiel!

Tschechien hatte keine Angst und ließ die Deutschen kommen, um dann in recht gefährlich aussehende Speedkonter über Kuka oder Nedved auszubrechen. Genau das brachte eine gute Gelegenheit in der 14. Minute, als Poborsky nach einer Kuka-Flanke leicht bedrängt den Ball im Fallen übers Tor bugsierte. Unterdessen wurde von Kommentator Réthy angesprochen, dass es einige Kritiker gibt, die Vogts vorwerfen noch keinen Titel in seinen zwei Anläufen gewonnen zu haben. WOW, wenn die wüssten! 😀  Nach etwas über einer halben Stunde schoss Eilts Klinsmann an, der Ball wurde daraufhin wieder hereingegeben zu Kuntz, der am Fünfer aus der Luft annahm. Kouba konnte parieren, der Ball senkte sich aber bedrohlich über ihn aufs Tor zu, wo Rada auf der Linie retten konnte. Erste große Schangse!

In der 41. Minute vergab Kuntz eine weitere, als er links im 16er von Ziege angespielt wurde und –  zugegeben in recht spitzem Winkel – frei vor Kouba auftauchte. Das Problem war, dass er viel zu lange zögerte und so den Ball gegen Kouba mit einem im Ansatz missglückten Heber vertändelte. Im Gegenzug gelang es Pavel Kuka, Dieter Eilts den Ball abzuluchsen und in ähnlicher Manier auf Köpke zuzustürmen. Der jedoch schloss die Ecke äußerst souverän – Glück, dass Kuka den freien Poborsky in der Strafraummitte übersah! Der angesprochene Eilts, der übrigens von Réthy als „fleißiges Lieschen“ tituliert wurde, muss kurz vor der Pause verletzungsbedingt (was sonst) raus und wird durch Marco Bode ersetzt, der eigentlich auch an einer Oberschenkelzerrung litt – soviel zum Zustand der deutschen Mannschaft 😀

Tschechien spielte nach der Pause mehr Pressing und die Konter wurden brenzliger, wie in der 59. Minute, in der Poborsky von Sammer leicht außerhalb des 16ers zu Fall gebracht wurde. Réthy unterstellte zudem eine Schwalbe, kann ich so nicht eindeutig unterstreichen. Der Schiedsrichter jedenfalls gab unglücklicherweise den Elfer, bei der voller Geschwindigkeit aber auch ur schwer zu sehen. Denkbares Pech beim Elfer, denn der Ball von Berger flutschte knapp unter Köpkes Körper hindurch zum 0:1.

Jetzt kam etwas mehr Schwung rein. In der 70. dann der „Wechsel des Jahrhunderts“ 😉 – angeblich auf anraten seiner Frau wechselte Vogts Bierhoff für Scholl ein. Drei Minuten später fuchst sich jener nach Freistoßhereingabe von Ziege hinter der Abwehr hindurch und erzielt per Kopf mit seinem insgesamt zweiten Ballkontakt den Ausgleich! In der Folge hält das Tempo weiterhin an, keiner spielte zwingend auf die Verlängerung. Gute Chancen durch Bode und Klinsmann folgten, ebenso für den eingewechselten Vladimir Smicer, der laut Réthy „am Freitag noch schnell geheiratet hat in Prag“ und mit einem satten Schuss Köpke zu einer ansehnlichen Parade zwang.

Das ganze endete nach kurzer Nachspielzeit in der Verlängerung, die Sammer zur Entspannung nach SEINER Art nutzte: Nämlich den total eingeschüchterten Berti Vogts wild gestikulierend vollzumotzen 😀 Was für ein Original. Bei Anpfiff der Verlängerung wird mir klar, dass Christian Ziege für mich der hinter Bierhoff etwas vergessene Star dieses Spiels war. In der Offensive einige Chancen eingeleitet und auch beim ruhenden Ball (Stichwort 1:1) geglänzt. Defensiv viel gelöst, wenn es sein musste auch mal mit ruppigen (aber fairen oder zumindest grenzwertigen) Tacklings, dazu strahlte er das Harte-Verteidiger-Arschloch-Image sehr gut aus, wie seine „heul doch“-Geste eben Anfangs der Verlängerung gegenüber dem Gegenspieler, den er Sekunden vorher fällte (gab Gelb!), bezeugt. Gefiel mir in diesem Spiel außerordentlich, der Mann.

In der Verlängerung gab es eigentlich nur zwei Gelegenheiten zu bestaunen. Patrik Berger verpasste knapp, als der Ball über den linken Giebel zischte – kleine Schrecksekunde für Deutschland. Dann fiel das historische Golden Goal schon nach fünf Minuten: Helmer schlug einen langen Ball quer über das gesamte Spielfeld auf Bierhoff, der ihn rechts zu Klinsmann per Kopf weiterleitete. Dieser flankte zurück in die Mitte zu Bierhoff, der gegen Karel Rada (nicht Kadlec, wie Réthy zuerst meint) den Ball abschirmte, sich rechts herum drehte und abzog. Kouba flutschte der Ball durch die Hände und trudelt recht unzeremoniös Richtung Innenpfosten ins Tor – sicherlich nur der hässliche kleine Bruder eines Final-Traumtores, aber egal: Deutschland war Europameister!

Was Tschechien angeht, durch diese Golden Goal Regel den Titel so knapp zu verpassen, war sicher total bitter. Vorallem, wenn man sich vorher durch so viele starke Mannschaften durchgebissen hat. Starke Turnierleistung dieser Mannschaft. Die deutschen Paradefans natürlich happy, die Queen amused, und da ist das Ding!

 

Fazit: Deutsche Nationalmannschaft 1996

Wirklich ganz oberste Sahne, wie sich die deutsche Mannschaft hier trotz so viel Verletzungspech zusammengerauft und das wirklich maximale aus dem Turnier rausgeholt hat: Bertis damaliger Slogan „die Mannschaft ist der Star“ kommt mir in Retrospekt recht glaubwürdig rüber. Ein wenig lässt sich – klar, kann man 20 Jahre später leicht sagen – schon ein Wachwechsel erahnen. Jüngere, athletischere aber auch sehr talentierte Mannschaften wie Kroatien und Tschechien waren im Prinzip auf Augenhöhe, es mangelte aber noch an der gewissen Cleverness. Ein „Last Hurrah“ der guten alten 90er-Generaton, da von den 96er Stammkräften bei der WM 98 lediglich Ziege, Babbel, Scholl, Freund und Bobic unter 30 sein würden/waren, das aber auch zum Teil nur äußerst knapp. Wie sich das alles ausspielt, sieht man dann in den nächsten Rumpelfußball-Blogs über die berühmt-berüchtigte Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Jetzt aber erstmal allen viel Freude am modernen Herrenfußball bei der anstehenden EM 2016 in eben jenem Frankenreich. Bis dahin kommt kein WM 98 Post – Dazu passt es jetzt zu schön mit dem 96er Finale 😉

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“Rumpelfußball”-Serie Teil 15 – EM 1996 (Halbfinale): Deutschland 1, England 1 (6:5 n.E.)

Klassiker in Wembley

Nun also gegen England, dass sich über den Turnierverlauf – für ihre Verhältnisse – in so etwas wie einen Rausch gespielt hatte. Soll bei Ausrichternationen schon mal vorkommen. Nach einem lahmen 1:1 gegen die Schweiz und 2:0 über Nachbar Schottland setzte es als Initialzündung für die nationale Euphorie ein 4:1 gegen Holland. Im Viertelfinale jedoch, bei dem Gegner Spanien zwei Tore wegen Abseits (eins 100%ig zu unrecht) und zwei Elfmeter verwehrt wurden, schien durch dass es sich im Kern immernoch um eine Mannschaft handelt, die die Qualifikation zur WM 1994 verpasst hatte. Wobei mit Seaman, Ince, Gascoigne, McManaman, Shearer und Sheringham mehr international bekannte Namen aufliefen, als das heute bei den Tommies der Fall ist.

Trotz alledem konnte man Deutschland nach den wenig überzeugenden Partien gegen Italien und mehr noch gegen Kroatien nicht wirklich als großartigen Favoriten ansehen. Rechnet man noch die Verletzungen dazu, dürften die Erwartungen nicht allzu gigantisch gewesen sein. Vogts Truppe ist mit nur einer Spitze, Stefan Kuntz (Bobic und Klinsmann ja verletzt) ins Spiel gegangen, dazu noch Steffen Freund von Anfang an.

Die Darbietung der englischen Hymne ist einfach der Hammer. Ohne Musik, brachial laut. Wenn selbst so eine olle Aufzeichnung die Atmosphäre so knisternd herüberbringt, wie muss es erst live vor Ort gewirkt haben? Solche Dinger sind einach ein klares Argument gegen Turnierausrichter wie Katar, ohne jede Fußballtradition. Das deutsche Liedchen kommt mit Musik daher und geht mit moderaten Pfiffen über die Bühne. Das idiotische Säbelrasseln der englischen Medien hatte also keinen übermäßig großen Einfluss auf das Publikum. Bevor es losgeht ist es interessant festzuhalten, dass Andreas Köpke vor dem Spiel bei der Hymne ein schwarzes Trikot trug, noch vor dem Anpfiff jedoch zu einem blauen Jersey übergegangen ist – mit einer Frage darüber sollte den mal jemand auf einer heutigen Pressekonferenz überrumpeln 😉

Anpfiff!…und Köpke schon nach anderthalb Minuten im Spotlight, als er per Faustparade einen schönen Weitschuss von Ince entschärft. Viel genützt hat es nichts, denn die anschließende Ecke nickte – nach Weiterleitung per Kopf von Adams – Topstürmer Shearer zum frühen 1:0 ein. Was für ein Start für die euphorisierten Engländer. Die Berti-Jungs fingen sich jedoch ziemlich schnell, nach einer Viertelstunde gelang Helmer nach einem Vorstoß ein Anspiel auf Möller, der den Ball mit einem formschönen Drehschuss zurück an Helmer in den Strafraum passte. Dieser legte nach rechts ab, wo Kuntz im Fallen zum 1:1 verwandelte! Gerd Rubenbauer bezeichnete das dann auch postwendend als „modernst herausgespieltes Tor“. Die schnelle Erholung nach dem 0:1 spricht sicherlich für die mentale Stärke einer etwas ins Alter gekommenen deutschen Elf.

In der Folgezeit entwickelte England ein leichtes spielerisches Übergewicht und kam zu zwei (jedoch nicht gerade tödlichen) Chancen. Im Mittelfeld bot sich für beide Mannschaften etwas Platz an, die Abwehrreihen waren aber dicht, trotz der beiden zugelassenen Chancen wirkte die deutsche Abwehrreihe souverän. Halbzeit!

Nächster Personalausfall für Deutschland nach dem Wiederanpfiff: Reuter holte sich wegen Trikotzupfen die gelbe Karte und wäre fürs Finale gesperrt. Nach wechselseitigen Chancen für Ince und Helmer gehörte den Engländern, die großen Druck auf die DFB-Elf ausüben konnten, zunächst die zweite Hälfte. Deutschland kam jedoch Unfallfrei durch diese Druckphase und eine Viertelstunde vor Schluss wirkten die Engländer langsam müde, ohne sich zwingende Chancen erspielt zu haben. In den letzten fünf Minuten schlief das Spiel komplett ein, beide Mannschaften wollten bloß keinen späten Fehler begehen und es kam logischerweise zur Verlängerung.

Die personelle Situation für ein mögliches Finale wurde nicht besser, als Möller sich (wegen Meckerns? Konnte nichts erkennen) ebenfalls Gelb abholte und sich somit das Finale verbaute. Jetzt wurde es dramatisch – in der dritten Minute der Verlängerung schickte Ince McManaman auf rechts, welcher flach in die Mitte zu Anderton flankte. Dieser brachte den Ball vorm weit offenen Tor jedoch nur an den rechten Pfosten, von welchem er genau zu Köpke zurückprallte, der ihn dann unter sich begrub. Was für ein Glück für die deutsche Mannschaft! Man bedenke, hier zählten Golden Goal-Regeln!

Ein wenig später gab Möller einen guten Schuss von sich, den Seaman zur Ecke klärte. Die Ecke kam schön in den 16er und Helmer köpfte ihn mustergültig rein! Deutschland im Finale! …. nicht. Der Schiedsrichter gab das Tor nicht – mir völlig unverständlich. Kein Abseits, kein Foul zu erkennen (nur ganz minimales, übliches, beidseitiges Strafraumgeschiebe). Das ganze Spiel hat der Schiri auch sehr großzügig gepfiffen und jetzt ein Phantompfiff. Absolut lächerlich, das war ein Tor! Ein paar Minuten später die zweite Riesenchance für England: Flanke Sheringham auf Shearer, Köpke verpasste den Ball am kurzen Eck und Gascoigne rutscht Zentimeter (!) am Ball vorbei. Boah, gefühlt wäre das nach der Helmer-Sache sowas von unverdient gewesen. Glück gehabt.

Wenn im Parallelspiel Tschechien – Frankreich von der 1. Minute auf Elfmeterschießen gespielt wurde – hier wars komplett anders. Was für eine geile erste Verlängerungs-Hälfte, vollgepackt mit dramatischen Torraumszenen. Die zweite Hälfte war nicht mehr ganz so heftig, einzig Ziege kam frei vor Seaman zum Abschluss (rechts vorbei gelegt). So kam es dann nun zum Elfmeterschießen und es dürfte eines der besten ever sein. Elfmeterfans sollten also zugreifen 😉 Einer souveräner verwandelt als der andere, nur bei Reuter ist Seaman leicht dran. 10 Leute trafen also recht mühelos, Highlight für mich Rubenbauers Spruch nach Gazzas Treffer: „Gascoigne!….. ICH BIN Gascoigne!“ 😀 Southgate schoss den ersten schwachen Elfer und Köpke hatte ihn. Das Publikum schwante schon böses, da haut Möller das Ding nach langem Anlauf einfach oben in die Maschen. Deutschland war durch!

Obwohl es auch dahinplätschernde Phasen gab, wird dieses Spiel auch in der Nachschau seinem Klassikerstatus absolut gerecht, finde ich. Der Hintergrund, das Stadion, die starke Atmosphäre… Spielerische Highlights und Dramatik fehlen auch nicht. Deutschland hatte ein paar mal wirklich Glück in diesem Spiel, auf der anderen Seite jedoch eigene Chancen und dieses warum auch immer aberkannte Helmer-Tor. War ein besseres Spiel als gegen Kroatien und die Lässigkeit und Erfahrung ist diesem Team einfach anzusehen. Man war im Finale, allerdings nur mit der halben Mannschaft. Da kann man einfach nur Respekt zollen, bei so vielen Ausfällen und Sperren sich dennoch durch ein Turnier zu fighten.

Trivia: René Schneider war auch im Kader. 😉

“Rumpelfußball”-Serie Teil 14 – EM 1996 (Viertelfinale): Deutschland 2, Kroatien 1

Durchgewurschtelt

Nach dem Nervenspiel gegen Italien geht es also im Viertelfinale gegen Kroatien. Die deutsche Mannschaft, in der Babbel nach seiner Gelbsperre wieder anstelle von Freund aufläft, Reuter den Gelb-Rot-gesperrten Strunz ersetzt und Scholl für den Formschwachen Häßler ins Spiel kommt, galt auf dem Papier sicherlich als Favorit. Die Kroaten aber weisen auch eine Mannschaft mit lauter bekannten Namen rund um Bilic, Boban und Suker auf. In der Gruppenphase bezwangen sie die Türkei mit 1:0, Europameister Dänemark wurde sogar mit 3:0 abgefertigt. Das postwendende 0:3 im letzten Gruppenspiel gegen Portugal ist mit 7 nicht eingesetzten Stammkräften zu erklären. Trainer Blazevic erntete dafür im Heimatland heftigste Kritik, da man nun gegen Deutschland anstelle von Tschechien antreten musste.

Ein paar Impressionen zu Beginn: Zum vierten Mal betritt die deutsche Mannschaft den Rasen des Old Trafford, das stellenweise wieder erschreckend leer daherkommt. Bei der Hymne erweisen sich die Kroaten als echte 90er-Jahre-Kicker, gut die Hälfte der Truppe tritt nämlich mit hochmodernen Nasenpflastern auf. Die deutsche Elf hingegen beschwört wie bei diesem Turnier üblich mithilfe eines oldschooligen Mannschaftskreises den Teamgeist. Laut ZDF-Kommentator Thomas Wark sind die Botschaften, die im vielleicht 3 Sekunden andauernden Kreis ausgegeben werden, „streng geheim“.

Zu Beginn des Spiels ist festzustellen, dass sich die kroatische Mannschaft das Pressing von den Italienern ganz gut abgeschaut hat und Deutschland in Bedrängnis bringt. Die das gesamte Spiel durchziehenden Nickligkeiten werden daraufhin von den Deutschen eingeläutet: Sammer bekommt für Trikotzupfen Gelb, Klinsmann tritt Vlaovic relativ brutal seitlich gegen das Bein – heutzutage vielleicht Rot. Auf der anderen Seite wird bei einem Foul an Möller der Vorteil ärgerlicherweise nicht gegeben, obwohl der Pass auf den komplett freien Bobic bereits unterwegs war. Die Riesenchance ergibt sich dann in der 13. Minute, jedoch für die Kroaten: Köpke lässt nach einem überaus riskanten Rückpass von Sammer einen Gegenspieler per Dribbling klasse aussteigen (mitspielender Torwart, anyone? :D), sieht sich dann aber nach anschließendem Ziege-Fehlpass einem freien Vlaovic gegenüber – dieser schiebt den Ball im Fallen jedoch am Tor vorbei.

In der 21. Minute flankt Scholl Richtung Sammer, das Zuspiel wird aber von einem blatanten Handspiel des Verteidigers Nikola Jerkan „verteidigt“. Klarer Handelfmeter – was für ein Lapsus von Jerkan. Im Übrigen keine Doppelbestrafung für Jerkan, wie auch beim Elfer gegen Deutschland im vorherigen Spiel. Klinsmann bringt den Ball Brehme-Style ganz souverän unten links unter. Die Führung ist zwar vom Spielverlauf her glücklich, aber diese Dummheit hat sich Jerkan selbst zuzuschreiben. Wie schon in den vorherigen Spielen ertönen sofort überhebliche (und beim bisher Gesehenen unangemessene) „ihr könnt nach Hause fahr’n“ und „Sieg“-Sprechchöre aus den Reihen der wieder mit exzellenten 90er-Harrys besetzten deutschen Fans.

Klinsmann wird anschließend, wie kurz zuvor Stefan Reuter, neben dem Platz behandelt. Beide kamen wieder rein, Klinsmann jedoch humpelt nur über den Platz und wird schließlich mit einem Muskelfaserriss in der Wade für Defensivmann Freund vom Platz genommen. Der Kapitän kann zeitgenössischen Prognosen nach das Turnier vergessen. Die ruppige Verfahrensweise geht nun munter weiter: Stanic fährt Ziege beim Kopfballduell mit dem Arm ins Gesicht, Bilic tritt den am Boden liegenden Scholl – auch das heutzutage mit ziemlicher Sicherheit Rot. Klinsmanns Sturmpartner Bobic muss später (mit Schulterproblemen, die auch sein Turnier beenden) ebenfalls vom Platz. Die Qualität des Spieles sowie die Leistung der deutschen Mannschaft sind bei Halbzeit insgesamt als überschaubar zu bezeichnen.

Nach der Pause kommt Kroatien rasch zum verdienten Ausgleich. Steffen Freund kommt (wie zuvor Köpke) durch einen Rückpass in Schwierigkeiten und schießt den heranstürmenden Jurcevic an. Der Ball prallt ausgerechnet zu Suker, der Köpke umkurvt und in der 51. Minute zum Ausgleich einschiebt. Gerade als Kroatien am Drücker scheint und Erinnerungen an Bulgarien ’94 wach werden, zieht Stimac Scholl Abseits des Balles das Bein weg – Gelb-Rot (56. Minute)! Wie beim Elfmeter Glück für Deutschland, hervorgerufen durch mangelnde Cleverness der Kroaten. Nur wenige Minuten später rennt Babbel im Ballbesitz an der Strafraumgrenze Jerkan um (hätte man Foul geben können), flankt in den Strafraum zu Sammer, der einen Verteidiger anköpft. Der Ball prallt mit etwas Glück in eine gute Position, aus der Sammer unten links einnetzen kann. Die erneute Führung, wieder leicht glücklich zustande gekommen.

In der Folgezeit merkt man garnicht, wer hier eigentlich in Unterzahl spielt, so kommt Suker dann auch zweimal freistehend nahe des 5-Meter-Raumes zum Kopfball, Helmer und Eilts sind jeweils zu weit weg vom Mann. Zum Glück köpft der kroatische Superstar beide Male ziemlich genau in Köpkes Arme. Insgesamt muss man feststellen, dass in diesem Spiel die defensive Souveränität, die besonders im ersten Gruppenspiel gegen Tschechien demonstriert wurde, einer fahrlässigen und unsicheren Spielweise gewichen ist.

Es dauert einige Zeit, bis Deutschland die Überzahl auch in Feldvorteile ummünzen kann. Scholl hat nach einer hart geschlagenen Flanke von Kuntz die Chance den Sack zuzumachen, kann jedoch den Ball aus der Luft nicht richtig annehmen und im freien Tor unterbringen – der Ball war aber auch sicher schwer anzunehmen. In einer letzten harten Aktion wird Ziege von Mladenovic in vollem Lauf abgedrängt und smasht mit brachialer Wucht in die Bande – der Schiedsrichter gibt kein Foul, geknallt hat das aber ordentlich!

Überzeugend ist was anderes, aber Deutschland bringt den Vorsprung über die Zeit und kann mit verletzungsbedingt dezimiertem Kader die Koffer für Wembley packen. Kroatien hat über weite Strecken stärker ausgesehen, jedoch fehlte noch die letzte Cleverness um Deutschland auszuschalten – so jedoch nutzte die DFB-Elf die kroatischen Fehler konsequent aus. Ausrichter England, das sich mit dem bis dato (2015) einzigen bei einem Turnier gewonnenen Elfmeterschießen gegen die spielstärkeren Spanier durchsetzen konnte, wartet als Nächstes im Klassiker. Im anderen Halbfinale trifft Tschechien (überraschender 1:0-Sieg gegen Portugal) auf Frankreich (5:4 n.E. gegen Holland).

“Rumpelfußball”-Serie Teil 13 – EM 1996 (Vorrunde): Deutschland 0, Italien 0

Durchgekämpft

Nun also das kleine Endspiel gegen Maldini, Casiraghi, den späteren Schalker Di Matteo und Co. Die Auftragslage ist klar: Gegen den Vizeweltmeister mindestens punkten und weiterkommen! Steffen Freund spielt anstelle des gelbgesperrten Babbel, Bobic bekommt seinen zweiten Starteinsatz über Bierhoff, sonst sieht die Elf aus wie gegen Russland. Italiens Coach Arrigo Sacchi, ultimativ cool in ballonseidenem Trainingsanzug, nicht sitzender Käppi und Sonnenbrille, ließ vor dem Turnier Roberto Baggio zu Hause, der einer der Stars des WM-Turniers 1994 war. Es gilt als offenes Geheimnis, dass dies aus einer privaten Animosität zwischen den Beiden resultierte – aus genau jenen persönlichen Gründen beendete Sacchi in den Vorjahren de facto auch die Nationalmannschaftskarrieren von z.B. Gianluca Vialli oder Roberto Mancini.

Aus taktischer Sicht scheint er jedenfalls ordentliche Arbeit zu leisten, denn man merkt sofort in den ersten Minuten, dass dies eine ganz andere Hausnummer ist als die vorherigen Spiele. Deutschland hat im Spielaufbau keinen Platz, schon in der eigenen Hälfte kommen italienische Offensivspieler herangestürmt und stören die Bemühungen. So kommt die erste gute Chance auch von Fuser, dessen Dropkick von Köpke mit einer guten Parade abgewehrt wird. Trotzdem ertönen nach 3 Minuten bereits „ihr könnt nach Hause fahr’n“-Sprechchöre, die deutschen Fans bei dieser EM sind schon sehr unterhaltsam 😀

In der 9. Minute nimmt Casiraghi, der erst Momente vorher Andi Möller brutal umgesenst und dafür zurecht Gelb kassiert hat, Sammer beim angesprochenen Pressing den Ball einfach ab und spurtet allein aufs Tor zu. Köpke rauscht humorlos hinein – Elfmeter, jedoch keine Karte für den Keeper. Den Schuss von Gianfranco Zola pariert Köpke jedoch rechts unten! Im Parallelspiel führt Tschechien indes schon nach 19 Minuten mit 2:0 – das dringt auch ohne Smartphones ins Old Trafford durch, wo Italien nun wohl oder übel gewinnen muss.

Ganz allgemein ist festzustellen, dass im Gegensatz zu einigen Spielberichten die ich im Vorfeld gelesen habe, Deutschland garnicht so schlecht und rein defensiv aufgetreten ist. Der Vorwärtsdrang ist da, mehr noch als bei den Italienern meiner Meinung nach, allerdings sind die Chancen von der Qualität nicht so gut wie auf der Gegenseite. Dies liegt auch an der tollen Abwehrleistung der Squadra Azzura, die in der ersten Halbzeit keinen Schuss auf den Torwart zulassen. Einzig ein Klinsmann-Kopfball nach Möller-Flanke, der knapp neben das Tor geht, beschwört einmal richtig Gefahr. Die guten Abschlüsse und Hereingaben der Italiener werden, zur stetig wachsenden Verzweiflung der Mannen um Roberto Donadoni, allesamt von Andi Köpke vereiltelt. Der 34jährige, welcher für einen Torwart eher klein ist, fliegt kreuz und quer durch den Strafraum und faustet in beeindruckender Manier alles weg.

Nach der Pause geht’s nach dem gleichen Muster weiter, wieder eröffnet Fuser nach Casiraghi-Pass und hämmert den Ball aus dem 16er gnadenlos aufs Tor, wo Köpke eine klasse-Reaktion zeigt und abermals abwehren kann. Nach einer Stunde der Schreck für die DFB-Elf: Es gibt Gelb-Rot für Thomas Strunz. Was für eine Schwächung in diesem Spiel auf Messers Schneide. Die italienischen Offensivbemühungen werden umgehend mehr, die Deutschen werden im Spielaufbau unkonzentrierter und leisten sich (noch) mehr Ballverluste gegen die pressenden Gegner.

Fabrizio Ravanelli, wie Sacchi im wunderbar weiten Spochtanzug gekleideter Juve-Leistungsträger, präsentiert trotz recht jungen Alters wie Viktor Onopko stolz seine haartechnische Alterserscheinung in Form von grauen Haaren. Rooney, Höwedes und Klopp hätten sofort gefärbt! An seiner Stelle bringt der exzentrische Sacchi aber dann doch etwas überraschend Enrico Chiesa als weitere Offensivkraft. Jetzt gilt es für Italien. Die Angriffe häufen sich, doch Köpke und seine Vorderleute machen derweil alles zunichte. In der 86. Minute auf einmal Jubel bei den italienischen Fans – Russland hat das Spiel gegen Tschechien unglaublicherweise gedreht und führt 3:2 – kommen hier doch beide weiter?

In der Nachspielzeit ist die deutsche Elf nurnoch aufs Wegschießen des Balles eingestellt, was den Italienern ungefähr 30.000 Ecken einbringt, die aber allesamt weggefaustet, -gegrätscht oder sonstwas werden. Die erneut laut aufkeimenden „ihr könnt nach Hause fahr’n“-Rufe der krawallbürstigen DFB-Freunde sind Zeugnis für den Ausgleich der Tschechen in der 90. Minute gegen Russland. Mit dem Abpfiff ist damit klar, dass Italien ausgeschieden ist! Deutschland hat sich in dieser Partie, vorallem nach dem Platzverweis, durchgebissen und steht nach dieser enormen kämpferischen Leistung absolut verdient im Viertelfinale. Wie einige der damaligen Spieler nach dem Turnier preisgaben, ein zusammenschweißendes und das Restturnier prägende Spiel.

Deutschland schafft es also als Gruppensieger mit 7 Punkten ins Viertelfinale, während Tschechien wegen des gewonnenen direkten Vergleichs trotz schlechterer Tordifferenz Italien rauskegeln. Russland tritt mit nur einem Punkt die Heimreise an.

Die Viertelfinalpaarungen lauteten England – Spanien, Frankreich – Niederlande, Tschechien – Portugal sowie das im nächsten Rumpelfußball-Teil anstehende Deutschland – Kroatien!

“Rumpelfußball”-Serie Teil 12 – EM 1996 (Vorrunde): Deutschland 3, Russland 0

Vogts stellt für das Russland-Spiel den kompletten Sturm um und bringt statt Bobic und Kuntz Klinsmann und Bierhoff. Hinzu kommt natürlich das Turnieraus von Jürgen Kohler, der wie gegen die Tschechen durch Markus Babbel ersetzt wird.

Deutschland macht von Beginn an gut Dampf, Helmer erreicht im Strafraum eine Kopfballverlängerung nach einem Einwurf – der Ball geht jedoch oben links am Giebel vorbei. In der vierten Minute dann ein Flugkopfball von Andi Möller nach Flanke von Stefan Reuter, doch Torwart Dimitri Charin, der mit einem echt schicken Trikot daherkommt, kann parieren. Im Gegenzug dann in der 9. Minute wie aus dem Nichts die Riesenchance für die Russen! Vom rechten Pfosten prallt der Ball nach einem Schuss in den Strafraum zurück, wo Kovilanov das Leder glücklicherweise genau in Andi Köpkes Arme köpft.

In der Folgezeit ist Deutschland klar am Drücker, kann aber keine zwingenden Torchancen mehr rausspielen. Lob hier auch an die russische Abwehr um Kapitän Viktor Onopko, die das ein oder andere Mal die Bälle klasse wegspitzelt. Onopko, im Gegensatz zu diesen Weicheiern Klopp, Höwedes oder Rooney, steht mit 27 Jahren zu seiner Pläät und braucht keine Haartransplantation! Zum Haare raufen wird es aber in der 40. Minute wieder für Deutschland, als es erneut zu einer saugefährlichen Chance für Russland kommt: Sammer stürzt am Ball vorbei mit dem Gesicht in Christian Zieges „Privatregion“, da wird ein Konter über die rechte Seite eingeleitet, wo Eilts überlaufen wird. Perfektes Zuspiel in die Mitte zum KOMPLETT freistehenden Mostovoi, der aber zu lange zögert und durch Köpke vom Ball losgeeist wird – Glück!

Zur Halbzeit bleibt zu konstatieren, dass Deutschland weitaus mehr vom Spiel hat, die Russen jedoch vergaben die zwei mit Abstand besten Chancen des Spiels. In Halbzeit 2 droht die Sache leicht zu kippen, da Russland nun auch mehr das Spiel macht. Daher fällt unter den Augen des teilnahmslos rauchenden russischen Trainers Romantsev recht überraschend in der 56. Minute das 1:0 für Deutschland: Möller spielt aus dem Halbfeld einen schönen Bogen auf Sammer in den Strafraum, der zunächst am Torwart scheitert. Dieser kann jedoch den Ball nicht festhalten, sodass Sammer nachsetzt und den Ball zur Führung ins Tor stochert.

Die Fans, unter ihnen auch glorreiche 90er Jahre-Harrys wie diese hier, skandieren nach dem Tor bereits „ihr könnt nach Hause fahr’n“. Als ich gerade so überlege, wie widersinnig das angesichts der Gefährlichkeit der Russen ist, werde ich von einem fast schon Todesschrei des Dieter Eilts aus den Gedanken gerissen. Juri Kovtun hat den ewigen Bremer mit Anlauf umgesenst und kassiert glatt Rot! Eilts eilt jedoch ungeachtet seines brutalen Schreis nur 2 Minuten später wieder auf den Platz, was irgendwie so gar nicht in das Image des knüppelharten Abwehrmanns passt.

Jetzt wird es natürlich schwer für die Russen, fast schon unweigerlich fällt dann in der 77. Minute auch das 2:0. Den Pass von Bierhoff nimmt Klinsi rechts vorm 16er mit dem linken Fuß an, wechselt sofort auf den rechten und lässt so den Verteidiger komplett aussteigen. Diagonal aufs Tor zuspurtend netzt er dann mit der Pike links oben im Winkel ein: Wirklich schönes Tor von einem Klassestürmer.

Deutschland, das im Spiel 58% Ballbesitz hatte (Pep Guardiola ist halbwegs zufrieden!) kommt in der Nachspielzeit noch zum 3:0. Der für Bierhoff eingewechselte Kuntz wurschtelt sich und den Ball über einen grätschenden Russen hinweg, steckt ihn dann auf den Elfmeterpunkt zu Klinsi durch, wo dieser kaltschnäuzig rechts unten verwandelt – der Man of the Match wäre somit geklärt. Russland war kein schlechter Gegner und hätte locker in Führung gehen können, allerdings erwies sich die DFB-Elf als viel abgeklärter und tütete den Sieg, vielleicht mit einem Tor zu viel, souverän ein.

Tabelle der Gruppe 3 nach dem zweiten Spieltag:
1. Deutschland, 6 Punkte (+5 Tore)
2. Tschechien, 3 Punkte (-1 Tor)
3. Italien, 3 Punkte (+1 Tor)
4. Russland, 0 Punkte (-4 Tore)

Tschechien hat überraschend Italien bezwungen und ist damit, trotz schlechterem Torverhältnis, ob des direkten Vergleiches auf Platz 2. Deutschland ist trotz zweier souveräner Siege noch nicht ganz durch: Verlieren sie gegen Italien und Tschechien schlägt Russland, kann es je nach Torverhältnis wegen einem Patt der direkten Vergleiche noch zum Aus kommen – bei einem Unentschieden wäre alles klar. Italien muss unbedingt gewinnen, das wird gegen den Vizeweltmeister ein sicherlich heißer Tanz…

WM 2014, Endspiel: Deutschland 1, Argentinien 0

Das langersehnte Happy-End

Kurz vorweg: Ich hatte das Spiel nicht aufgezeichnet, und da es aus der Mediathek schon rasch entschwunden war, komme ich erst jetzt endlich dazu die WM-Berichterstattung abzuschließen. Ja, ich weiß, das Spiel hat ohnehin jeder gesehen. Aber wer die ersten 63 Spiele kommentiert, der sollte das letzte auch noch mitnehmen, finde ich.

Die erste negative Überraschung erreichte den nervösen Zuschauer bereits vor Anpfiff: Sami Khedira würde ausfallen und durch Christoph Kramer – einem Spieler den viele Zuschauer vor dem Turnier überhaupt nicht kannten – ersetzt werden. Fairerweise sei gesagt, dass Argentinien mit Angel dí Maria ein extra-gefährlicher Angreifer fehlte, die üblichen Probleme eines Turniers eben.

Schon früh war im Spiel klar, dass sich Argentinien nicht wie die Brasilianer würde abkochen lassen. Einer leicht von Nervosität und Ausgeglichenheit geprägten Anfangsphase folgte der erste „Kracher“ des Spiels nach einer Viertelstunde, als „Final-Touri“ Christoph Kramer von Garay mit ziemlichem Wumms per Ellenbogencheck ausgeknockt wurde und nach einer halben Stunde für Schürrle vom Platz genommen wurde. Sah ziemlich dirty aus, aber ich kann verstehen warum die Schiris in der Phase eher auf „unabsichtlich“ anstatt auf Elfmeter und (möglicherweise) Rot entschieden.

In der 21. Minute rutschte geschätzten 35 Millionen Zuschauern das Herz aber mal gehörig in die Hose, als Toni Kroos ein Rück-Kopfball ( 😉 ) misslang und als perfekte Vorlage für Gonzalo Higuain endete. Dieser jedoch verzog völlig frei links vorbei am Tor! Pures Glück für die Jogibären. 10 Minuten später kam es (scheinbar) noch schlimmer: Lavezzi konnte von rechts ungehindert in Higuains Beine flanken, der sich die Chance diesmal nicht nehmen ließ. Das übernahm in dem Fall der Linienassi, der das Tor wegen (deutlichem) Abseits zurecht aberkannte.

Nach 36 Minuten dann endlich mal die deutschen mit einer Großchance: Müller kam auf der linken Seite durch und legte im Strafraum zum eingewechselten Schürrle ab, doch Romero konnte das Ding mit einer soliden Parade entschärfen. Bevor man sich aber langsam beruhigen konnte, brannte es nach einem Messi-Solo wieder lichterloh im deutschen Strafraum. In der Nachspielzeit dann wemste Benedikt Höwedes die Kugel mit dem Kopf wuchtig an den Pfosten – das wäre durchaus eine hammer-Überraschung gewesen. Was für ein Pech.

In der Pause wirkten, kombinert mit dem soeben gesehenen Pfostenkracher, noch die unangenehm häufigen Schrecksekunden in Halbzeit 1 nach. Das war keinesfalls eine klare Angelegenheit. Im Gegenteil, Argentinien schien im ersten Durchgang ein stückweit souveräner.

Viel besser startete die 2. Halbzeit auch nicht. Ausgerechnet Messi kam relativ frei im Strafraum zum Zuge und legte den Ball nur knapp am rechten Pfosten vorbei (’47). In der Folgezeit beruhige sich das Spiel schließlich, die Mannschaften ließen defensiv nicht mehr viel zu und, um sich einer 1A-Floskel des hochgestochenen Sportjouralismus zu bedienen, „neutralisierten sich auf hohem Niveau“ 😉 . Dies mündete nach einer Phase ohne die ganz gefährlichen Torchancen schließlich in der Verlängerung.

Deutschland erwies sich in der „Overtime“ als etwas frischer und kam in der ersten Minute zur Riesenchance durch Schürrle, der jedoch leider aus 6 Metern Romero anschoss. Fünf Minuten später lupfte Rattenschwanz-Palacio aus guter Position den Ball über Neuer hinweg am Tor vorbei. Pause.

In der 108. Minute erwischt Aguero Schweinsteiger im Gesicht, der eine Platzwunde davonträgt. „Kriegsheld“ Andi Brehme war leider nicht anwesend, also musste er an der Seitenlinie verarztet werden während sich parallel Kevin Großkreutz bereit machte – was ich absolut geil fand. „Leider“ kam dieser legendäre Wechsel doch nicht zustande und Schweinsteiger im Stile eines True Nordic Warriors of Darkness, Glory, Pain and Destruction wieder herein.

113. Minute, Fußballgeschichte: Schürrle konnte trotz Bedrängnis von links in den 16er flanken, wo Mario Götze (kurz vor Ende der regulären Spielzeit eingewechselt) mustergültig mit der Brust annahm und im Fallen mit links versenken konnte. Ein wirklich mehr als würdiger und schöner Treffer, der die Entscheidung brachte. Ausgerechnet der viel kritisierte Götze konnte von der Bank mit frischen Beinen für den genialen Moment sorgen.

Noch war aber nicht Schluss. Knapp drei Minuten in der Nachspielzeit nochmal die gute Freistoßgelegenheit für Messi, der jedoch weit drüberzog. Mit dem Schlusspfiff bekam Schweinsteiger NOCH einen auf die Glocke, dann war es ausgestanden und Deutschland zum vierten Mal Weltmeister. Nach so vielen knapp verpassten Titelgelegenheiten also endlich wieder ein Titelgewinn. Das Finale war nicht – wie beim letzten WM-Titel 1990 – zäh und hässlich, sondern von beiden Mannschaften hart umkämpft und mit einigem spielerischen Risiko verbunden. Eines der schöneren Finals der WM-Geschichte.

Jap, das war’s! Die WM 2014 also, mit ’nem halben Jahr Verspätung, auch hier Geschichte. Hat Spaß gemacht, auch wenn ich mir beim nächsten Turnier wohl nicht nochmal den Stress antun werde, komplett alle Spiele zu reviewen. Hoffe, den 3 Lesern hat es Spaß gemacht und bald geht es dann mit der Rumpelfußball-Serie weiter 🙂

WM 2014, Tag 23 (Spiel um Platz 3): Brasilien 0, Niederlande 3

Ein abschließender Tritt in Brasiliens Nüsse

Der Komplettheit halber machen wir das Spiel jetz auch noch! Der Kampf um die goldene Ananas und wieder geht’s super los für die Heimmannschaft, die vielleicht ein bisschen was gut machen wollte. Nach erneutem Hymnen-Weitersingen (trotz des 1:7) – dafür aber keinem Arm-auf-Schulter-des-Vordermanns-beim-Betreten-des-Platzes (ab jetzt „A.a.S.d.V.b.B.d.P.“) – stand’s 0:1 in der 3. Minute durch van Persie-Elfer, dem, da muss ich dem ZDF-Reporter recht geben, eine merkwürdige Schiedsrichterentscheidung vorausging. Letzter Mann foulte Robben und es gibt nur Gelb. Die Wiederholung zeigt, dass es sogar außerhalb des Strafraums war – also doppelte Fehlentscheidung? Es ist egal, da in der 17. Minute der Ball in die Mitte des Strafraums zu Daley Blind prallte, der frei annehmen und unter die Latte spielen konnte – 2:0!! Brasilien kam dann bis auf einige Käsekonter besser rein, in der 38. verpassen 3 Spieler vorm leeren Tor. In der 40. musste Kuyt GETACKERT werden – das war geil. Oldschool!

Ach naja, ich will nichts verschönern: Das Spiel plätscherte einfach zuende. Holland beschränkte seine Bemühungen deutlich, Brasilien brachte nichts mehr hin. In der Nachspielzeit gabs noch ein Tor gegen nicht mehr reagierende Brasilianer und die Messe war gelesen. 10 Tore in 2 Spielen kassiert, das lag sicher an Neymar!

WM 2014, Tag 22 (Halbfinale): Niederlande 0, Argentinien 0 (2:4 i.E.)

Tiefpunkt im Halbfinale

Wow, war das langweilig. Hätte nicht gedacht, dass wir selbst in den oft taktisch geprägten (dafür meist mit guten Spielern gespickten) Halbfinalspielen nochmal ein Iran-Nigeria Revival zu Gesicht bekommen. Im Grunde genommen passierte in der regulären Spielzeit nahezu überhaupt nichts. Robben und Palacio hatten in der Verlängerung dicke Chancen, die Dramatik an sich hat es jedoch nicht gesteigert da beide Mannschaften aufs Verteidigen gemünzt waren. So kam es zum Elfmeterschießen, in dem Romero die Schüsse von Vlaar und Sneijder halten konnte – Gegenpart Jasper Cillessen, dessen Psyche Louis Van Gaal ja bereits im Viertelfinale erfolgreich in den Wind geschossen hat, konnte keinen abwehren (den letzten Schuss von Rodriguez ließ er unglücklicherweise durch).

Meine Fresse Van Gaal, DAS holt er nach der euphorischen Vorrunde aus dieser Mannschaft raus? Er ist einfach megastur und erheblich dafür mitverantwortlich, dass sie es nicht gepackt haben ins Finale. Was für ein merkwürdiger Trainer. Argentiniens Offensive, vorallem Messi, wirkt auch nicht ganz in Form. Hoffen wir mal das bleibt so im Endspiel gegen Deutschland! Es kann zwar im Fußball immer alles schiefgehen, aber ich glaube wir dürfen Zuversichtlich sein!

WM 2014, Tag 21 (Halbfinale): Deutschland 7, Brasilien 1

Bei FIFA auf „Amateur“ gestellt

So, ich nehme dann einfach mal an, dass das gestern wirklich passiert ist und schreibe über dieses „Spiel“. Mit der gleichen Aufstellung wie gegen Frankreich ging es die Löw-Truppe gegen die Neymar- und Silvalosen Brasilianer an, die vor dem Anpfiff wieder mal vor Pathos trieften. Mit Hand auf der Schulter des Vordermanns auf den Platz, Neymars Trikot bei der Hymne symbolträchtig dabei, wieder mal a capella die Hymne weitergebrüllt: Hat alles dann doch nichts geholfen. Brasilien begann mit einer Offensive, jedoch muss man sagen dass in den ersten 10 Minuten beide Mannschaften noch ziemlich nervös wirkten. In der elften bekam Deutschland eine Ecke, die auf Thomas Müller gezogen wurde. Er stand völlig frei („Tingeltangel-Bob“ David Luiz war eigentlich zugeordnet) und konnte flach per Direktabnahme das 1:0 erzielen. Ab diesem Zeitpunkt war es im Stadion still.

Deutschland verteidigte sehr gut, vorallem Lahm mit seinem präzisen Weltklasse-Tackling spielte sich ein wahnsinnig gutes Halbfinale zurecht. Die Spielminuten 23 bis 29 werden in die deutsche Fußballgeschichte eingehen und noch in 50 Jahren rezitiert werden: Klose holte sich erst den alleinigen WM-Torrekord mit einer kleinen Kopie von Ronaldos Tor aus dem Finale 2002, indem er seinen abgewehrten Schuss im Nachsetzen unterbringen kann. Nun war Toni Kroos dran, der mit links abzog und präzise unten links einnetzen konnte. Kurz danach markierte Kroos den Doppelpack, als er seinerseits einen abgewehrten Schuss (Khedira) im Nachhinein verwertete. Der historische Torreigen wird schließlich von Khedira in der 29. Minute zum unglaublichen 5:0 abgeschlossen. Es war absolut unglaublich: Während heulende Brasilianer auf den Tribünen gezeigt wurden, drosch die deutsche Elf Ball um Ball ins Netz. Im Videospiel wäre es nun an der Zeit gewesen, den Schwierigkeitsgrad höher zu stellen. Oder aber ob des mangelnden Realismus des Spiels selbiges entnervt abzuschalten.

In der zweiten Halbzeit ließ Deutschland verständlicherweise mehr zu, die brasilianischen Fans suchten sich unverständlicherweise Fred als Sündenbock heraus und pfiffen ihn bei jedem Ballkontakt aus – ziemlich merkwürdige Reakion. Der eingewechselte Schürrle (Mertesacker und Draxler kamen auch noch rein) machte in der 69. Minute das halbe Dutzend voll und erstaunte zehn Minuten später, als er den Ball kunstvoll unter die Latte und ins Tor brachte. 7:0, das ist ein Ergebnis aus dem Jahre 1906, nicht in einem WM-Halbfinale gegen Brasilien im Jahre 2014! Oscar markierte kurz vor Schluss noch den Ehrentreffer, props an ihn weitergespielt zu haben.

Klar, das war ein Halbfinale und der Titel ist damit nicht gewonnen. Aber egal wie das Finale ausgeht, an dieses Spiel wird man sich für immer gerne zurückerinnern. Endlich geht es für Deutschland wieder um alles – gegen Argentinien oder Holland.

WM 2014, Tag 20 (Viertelfinale) Belgien & Costa Rica ausgeschieden

Argentinien 1, Belgien 0
Im Gegensatz zu den vorherigen Auftritten nahm Argentinien die Sache selbst in die Hand und konnte direkt Druck aufbauen. Das wiederum resultierte in einem frühen 1:0 durch eine schöne Direktabnahme mit rechts von Higuain etwas außerhalb des Strafraums (7.). Belgien fand wieder ins Spiel, ihren Angriffsbemühungen folgten jedoch immer Argentinische Gegenangriffe, ein schönes hin- und her enstand. In der 32. schwächte die verletzungsbedingte Auswechslung Di Marias die Gauchos.  3 Minuten vor der Halbzeit kam Belgien zu seiner ersten guten Gelegenheit durch Mirallas per Kopf – Argentinien jedoch in der ersten Halbzeit einen Ticken besser. Während Belgien in der zweiten Hälfte zunächst zu keinen Chancen kam, verfolgten die Argentinier weiterhin recht erfolgreich ihr Konterspiel: Higuain traf in der 55. an die Latte. In der Nachspielzeit scheiterte Messi mutterseelenallein an Courtois, Belgiens Schlussoffensive war jedoch nicht präzise genug, um echte Gefahr heraufzubeschwören. Argentinien ist damit, etwas glanzlos, im Halbfinale.

Niederlande 0, Costa Rica 0 (4:3 i.E.)
Extrem langweiliges Ballgeschiebe zu Beginn. Wieso zum Teufel stellt Van Gaal seine Mannschaft (wie gegen Mexiko) so defensiv ein? Mit einer offensiveren Ausrichtung, sorry Costa Rica, aber würde man den Bananen-Boys die Hucke vollhauen. So kam es erst in der 22. zu einer guten Doppelchance von Van Persie und Sneijder. Eine weiteren ähnlichen Situation folgte ein Freistoß, der nur Knapp von Navas um den Pfosten gedreht werden konnte – klasse Parade. Die Dramatik hat bis zur 83. Minute nicht zugenommen, als Sneijder einen Freistoß aus (laut FIFA-Anzeige) 26 Metern (es war gerade nur außerhalb des Strafraumes, was ist das für eine Messung??) an den linken Pfosten hämmerte. Dem Freistoß ging wieder ein theatralischer Fall von Robben voraus – klar, es war Foul, aber dieses theatralische Fallen und direkt zum Schiri gucken, wer hasst das nicht? Pavel Nedved ist immer direkt wieder aufgestanden 😉

In der 93. nochmal die Riesenchance für Holland, als X Teixera (sp?) auf der Linie anschoss, von welchem der Ball an die Latte und raus prallte! Holland verpasste es, die Entscheidung in der Verlängerung zu erzwingen. Van Gaal wechselte 1860-Style den Ersatztorwart fürs Elfmeterschießen ein, der dann neben großem getrash-talke auch zwei Elfer hielt und Holland damit gerade so noch weiter ist. Dass sie es gegen COSTA RICA überhaupt so weit haben kommen lassen, kann von Holländern durchaus als negative Überraschung gewertet werden.